Vom Nischenmarkt zum Kernsegment
Wer an Anleihen denkt, denkt meist zuerst an Staatsanleihen aus Industrieländern, an Investment-Grade-Anleihen oder an Hochzinsanleihen. Unternehmensanleihen aus Schwellenländern bleiben nach den Worten von DPAM-Fondsmanager Thomas Timmerman «ein bislang relativ wenig erschlossenes Segment der globalen Anleihemärkte».
Das überrascht, wenn man auf die Wachstumsquellen schaut: S&P Global erwartet, dass bis 2035 rund 65 Prozent des globalen Wirtschaftswachstums auf Schwellenländer entfallen, bei einem durchschnittlichen Wachstum von etwa 4,1 Prozent gegenüber 1,6 Prozent in den Industrieländern. «Dennoch investieren viele Anleger in diese Volkswirtschaften nach wie vor hauptsächlich über Aktien oder Staatsanleihen und übersehen dabei die Unternehmen, die diesen Wandel massgeblich vorantreiben», schreibt Timmerman.
Laut DPAM ist das Universum der auf Hartwährungen lautenden Unternehmensanleihen aus Schwellenländern seit 2002 von 260 Milliarden auf rund 2,6 Billionen US-Dollar gewachsen. Es ist damit grösser als das Segment der Schwellenländer-Staatsanleihen in Hartwährung und nach DPAM-Angaben auch grösser als der Hochzinsmarkt. Aberdeen bezifferte den Markt bereits 2024 auf über 2,5 Billionen US-Dollar, bei einem durchschnittlichen Rating von BBB. DPAM zählt rund 750 Emittenten aus 68 Ländern in Lateinamerika, Asien, dem Nahen Osten, Afrika und den Schwellenländern Europas. Da die Anbieter ihr Universum unterschiedlich abgrenzen, beschreiben diese Zahlen die Grössenordnung und keine exakte Zählung.
Die Emittenten sind zudem weniger lokal, als viele annehmen. Zu den grössten Positionen des iShares J.P. Morgan EM Corporate Bond ETF gehören Saudi Aramco, Ecopetrol, OCP, Standard Chartered und Anglo American Capital. Indexanbieter ordnen Emittenten teilweise nach dem Schwerpunkt ihrer Geschäftstätigkeit zu, nicht allein nach dem juristischen Sitz.
Kennzahl | Wert | Quelle, Stand |
|---|---|---|
Marktgrösse (Hartwährung) | rund 2,6 Billionen US-Dollar | DPAM, September 2026 |
Emittenten / Länder | rund 750 / 68 | DPAM, September 2026 |
Anteil Rating A oder besser | 40 Prozent (2020: 31 Prozent) | DPAM, Juli 2026 |
Durchschnittliche Nettoverschuldung | rund 1,2-fach | UBP, Ausblick 2026 |
Optionsbereinigter Spread | rund 183 Basispunkte | iShares CEMBI BD Core ETF, 15.10.2026 |
Effektive Duration | 4,2 Jahre | iShares CEMBI BD Core ETF, 15.10.2026 |
Ausfallrate 2026 | 2,7 Prozent seit Jahresbeginn, rund 3,1 Prozent erwartet | DPAM, September 2026 |
Quellen: DPAM, UBP, BlackRock/iShares. Die Zahlen beziehen sich auf unterschiedliche Universen und Stichtage und sind nicht direkt vergleichbar.
Bessere Bonität, tiefere Verschuldung
Die Fundamentaldaten sind das stärkste Argument. Laut DPAM stieg der Anteil der Emittenten mit Rating A oder besser von 31 Prozent im Jahr 2020 auf 40 Prozent im Juli 2026. Der Anteil der BB-Emittenten sank von 18 auf 14 Prozent, jener der B-Emittenten von 9 auf 6 Prozent. Eine bessere Indexzusammensetzung kann aus Heraufstufungen, aus neuen, besser bewerteten Emittenten oder aus dem Ausscheiden schwächerer Namen entstehen. Sie zeigt, dass sich das Universum verbessert hat, nicht zwingend jedes einzelne Unternehmen.
Andere Quellen stützen das Bild. UBP beziffert die durchschnittliche Verschuldung von Schwellenländer-Unternehmen auf rund das 1,2-Fache, eine Verbesserung um 0,6 gegenüber dem Stand vor zehn Jahren, und hält fest, dass mehr als die Hälfte der Dollar-Emissionen inzwischen Investment Grade ist. Besonders aufschlussreich ist ein nach Rating abgeglichener Vergleich von Aberdeen aus dem Jahr 2024: BB-geratete Schwellenländer-Unternehmen wiesen eine Nettoverschuldung vom 2,3-Fachen des EBITDA auf, gegenüber dem 3,6-Fachen im US- und dem 4,5-Fachen im europäischen Hochzinssegment.
Laut DPAM bieten Schwellenländer-Unternehmen weiterhin einen Renditeaufschlag gegenüber vergleichbaren Emittenten aus Industrieländern. «Dieser Aufschlag ist häufig eher auf die allgemeine Wahrnehmung der Schwellenländer durch Investoren als auf unternehmensspezifische Risiken zurückzuführen», schreibt Timmerman. Wo das zutrifft, werden Anleger für ein Etikett entschädigt und nicht für eine schwächere Bonität.
Ausfälle: konzentriert statt flächendeckend
Die Frage nach den Ausfällen kommt meist zuerst. DPAM beziffert die Ausfallrate seit Jahresbeginn auf 2,7 Prozent und erwartet für das Gesamtjahr rund 3,1 Prozent. Die «2026 Fixed Income Default Study» von UBS Asset Management prognostiziert für hochverzinsliche Schwellenländer-Unternehmensanleihen 3,2 Prozent. Da DPAM nicht angibt, ob sich die Quote auf den Gesamtmarkt oder nur auf High Yield bezieht, sind Vergleiche mit US- und europäischen Ausfallraten mit Vorsicht zu ziehen.
Die Verluste sind konzentriert. Laut DPAM entfallen 75 Prozent des Ausfallvolumens auf zwei brasilianische Emittenten. Raízen, ein von Crossover- und Investment-Grade-Fonds breit gehaltener Investment-Grade-Name, kündigte im ersten Quartal eine Restrukturierung seiner Schulden an, was Morgan Stanley als wesentliche Belastung des Index identifizierte. Braskem wurde von Fitch im August 2026 auf «Restricted Default» herabgestuft, nachdem bestimmte finanzielle Verpflichtungen nicht bedient worden waren. Daraus folgt zweierlei: Der Stress ist nicht über den ganzen Markt verteilt, aber ein einzelner grosser Schuldner kann die Verlustbilanz dominieren, selbst wenn er wenige Monate zuvor noch Investment Grade war.
Die Bewertungsfrage
Das wichtigste Gegenargument räumt DPAM selbst ein: Die Kreditaufschläge sind im historischen Vergleich eng. Der optionsbereinigte Spread des iShares ETF auf den J.P. Morgan CEMBI Broad Diversified Core Index lag Mitte Oktober bei rund 183 Basispunkten. Ein grosser Teil der attraktiven Gesamtrendite stammt somit aus dem Zinsniveau der US-Staatsanleihen und nicht aus der Entschädigung für das Kreditrisiko.
Laufender Ertrag und Gesamtrendite können zudem auseinanderlaufen. Die Ausschüttungsrendite des ETF über die letzten zwölf Monate betrug Mitte Oktober 5,4 Prozent, die Gesamtrendite in US-Dollar seit Jahresbeginn lag dennoch nahe null. 2022 verlor er 12,3 Prozent. Die Attribution von Morgan Stanley für das erste Quartal zeigt das Zusammenspiel: Der CEMBI Broad Diversified verlor 0,21 Prozent, wobei die Spreadbewegungen 0,52 Prozentpunkte kosteten und die US-Zinsen 0,31 Prozentpunkte beisteuerten.
DPAM sieht dennoch drei Gründe für eine positive Einschätzung:
- Diversifikation über Hunderte Emittenten, Dutzende Länder und viele Sektoren.
- Ertrag bei moderater Duration: höhere Renditen bei in der Regel kürzerer Duration als viele Rentensegmente der Industrieländer. Die effektive Duration liegt derzeit bei gut vier Jahren.
- Ineffizienz: ein grosser, aber wenig analysierter und in vielen Portfolios untergewichteter Markt, was der aktiven Titelauswahl zugutekommt.
Zudem erwartet DPAM, dass die Emissionswelle im Zusammenhang mit Investitionen von Hyperscalern und Rechenzentren vor allem das Anleiheangebot in Industrieländern erhöht und die Spreads in Schwellenländern kaum belastet. Das ist plausibel, bleibt aber eine Einschätzung des Vermögensverwalters und kein gemessener Vorteil.
Wo die Diversifikation an Grenzen stösst
Breite schützt nicht vor gemeinsamen Schocks. Morgan Stanley führt rund die Hälfte der negativen Spreadbeiträge im Investment-Grade-Teil des CEMBI im ersten Quartal 2026 auf Emittenten aus den Golfstaaten zurück, deren Spreads im Zuge des Konflikts zwischen den USA, Israel und Iran reagierten. Die Liquidität hat sich mit der breiteren Anlegerbasis verbessert, in angespannten Märkten lassen sich die Anleihen aber nicht immer zu stabilen Preisen verkaufen. Diversifikation verteilt diese Risiken, beseitigt sie aber nicht.
Schweizer Perspektive: Hartwährung heisst nicht Franken-Sicherheit
Für eine Schweizer Pensionskasse oder Versicherung ist die Dollarrendite nur der Ausgangspunkt. Die Absicherung in Franken kostet ungefähr die Zinsdifferenz zwischen Dollar und Franken und zehrt einen erheblichen Teil des Zinsertrags auf. Kotierte Schwellenländer-Unternehmensanleihen gelten nach BVV 2 als gewöhnliche Forderungen und belasten das Budget für alternative Anlagen nicht. Eine realistische Beurteilung weist getrennt aus:
- die erwartete Rendite in US-Dollar,
- die Rendite nach Absicherung in Franken,
- Verwaltungs- und Transaktionskosten,
- Ratingstruktur, Duration und Liquiditätsprofil des konkreten Portfolios.
Fazit
Unternehmensanleihen aus Schwellenländern sind zu einer grossen, überwiegend gut bewerteten Anlageklasse geworden, deren Bilanzen dem Vergleich mit gleich gerateten Emittenten aus Industrieländern standhalten. Bei schmalen Risikoprämien überzeugt jedoch das breite Marktengagement weniger als eine sorgfältige Emittentenauswahl. Die Anlageklasse gehört auf das Radar von Rentenanlegern. Wer bei den heutigen Spreads einsteigt, braucht aber vor allem Disziplin.
Offenlegung: DPAM ist Partner des Swiss Institutional Symposium 2026.
Quellen: DPAM, Thomas Timmerman, «Schwellenländer-Unternehmensanleihen: Jenseits des klassischen Fixed-Income-Ansatzes» (30. September 2026, Marketingmitteilung); S&P Global, Medienmitteilung (16. Oktober 2024); UBP, «The case for emerging market debt», Investment Outlook 2026; Aberdeen, «The case for EM corporate bonds» (26. September 2024); Morgan Stanley Investment Management, «Emerging Markets Debt Monitor Q1 2026» (April 2026); Braskem, Mitteilung an den Markt zur Fitch-Ratingänderung (17. August 2026); UBS Asset Management, «2026 Fixed Income Default Study»; BlackRock/iShares Fondsdaten (15. Oktober 2026). Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar.